Mittwoch, 22. Dezember 2010

[Konzert] Die Boyband des Musical - Musical Tenors

Und Boyband ist hier wirklich nicht negativ gemeint. Wirklich nicht! Aber der Vergleich drängt sich geradezu auf, wenn man die Musical Tenors am Montag (20. Dezember 2010) im Theater Akzent gesehen hat. Schon die erste Nummer "Limelight" wurde mit perfekt synchronen Bewegungen (Choreographie und Regie Paul Kribbe) vorgetragen, die auch die Backstreet Boys, *NSync, Take That oder wie sie alle heißen hätten "performen" können.

[Bild via]
Doch von Anfang an. Jan Ammann, Christian Alexander Müller, Mark Seibert und Patrick Stanke haben sich vor einer Weile zu den "Musical Tenors" zusammen geschlossen und sind nun seit einiger Zeit in ganz Deutschland auf Tour. Am Montag war der erste und bis dato einzige Termin der Konzertreihe in Österreich, nämlich im Theater Akzent in Wien. Letztes Jahr trat in diesem Theater Pia Douwes mit ihrem Ein Abend im Dezember auf, eins meiner Highlights des Jahres 2009 (ich kann die CD Dezemberlieder nur immer und immer wieder empfehlen) und ich war gespannt ob ich von den Musical Tenors das Gleiche würde behaupten können. Ja! Ich wurde nicht enttäuscht. Die vier bieten Unterhaltung auf höchstem Niveau.

Die Liedauswahl (Idee, Musikalische Konzeption und Buch Andreas Luketa) reichte von altbekannt über zu oft gesungen hinzu noch nie gehört. Zumindest für mich. Der Großteil des Abends bestand natürlich aus Nummern, die die vier zusammen gesungen haben. Ein bisschen besorgt war ich ja im Vorhinein, dass es langweilig werden würde. Alles Tenöre. Ob das nicht fad wird? Aber die Arrangements (von Mario Stork, auch für die Musikalische Leitung Band verantwortlich) waren gelungen und die Stimmen harmonierten perfekt. Eröffnet wurde der Abend wie schon erwähnt mit "Limelight" (Gambler - Das Geheimnis der Karten), dem gleich ein 3-Musketiere-Block ("Heut ist der Tag", "Constance", "Engel aus Kristall", "Wo ist der Sommer" und "Wer kann schon ohne Liebe sein") folgte. Weiter kann ich den Ablauf des Programms nicht mehr ganz genau aus dem Gedächtnis rekonstruieren, da im Programmheft (7€ für ein doch recht dünnes Heft!) lediglich eine alphabetische Liste ("Musical Tenors wählen Ihr Repertoire aus den folgenden Titeln". Ob "Ihr" absichtlich nicht "ihr" ist?) der Lieder enthalten ist und in der Pause hab ich mir allgemeine Notizen gemacht (und mit meinen Freundinnen das gerade Gesehen und Gehörte besprochen), aber nicht versucht die Liedreihenfolge niederzuschreiben. Gesungen wurde sowieso alles bis auf eines der angegebenen Lieder. Aber das nur so am Rande. Im Folgenden verzichte ich deswegen auf Chronologie und versuche einfach unterzubringen, was ich für wichtig erachte (und ich wette, ich werde trotzdem irgendetwas vergessen).

"Memory" (Cats) wurde zum Beispiel gesungen und zum ersten Mal fand ich es nicht sterbenslangweilig. Dazu sollte ich vielleicht sagen, dass ich meistens generell kein Fan der Lieder bin. "Memory", "Ich gehör nur mir", "Don't Cry for Me Argentina"? Kann ich meistens alles nicht hören. Das Interessante diesmal war, dass Christian Alexander Müller eine Strophe auf italienisch und Mark Seibert eine auf französisch sang. Das war mal etwas Neues! "Maria" (West Side Story) wurde mit Flamenco-Rhythmen (mit Ana Maria Escoz Corbacho als Flamencotänzerin) kombiniert und war so auch erfrischend anders. Schön auch, dass aus The Man Of La Mancha nicht nur "The Impossible Dream" kam sondern auch "The Man Of La Mancha" mit Mark Seibert und Patrick Stanke als Sancho.

Warum immer und überall "This is the Moment" (Jekyll and Hyde) gesungen werden muss, ist mir ja ein Rätsel, aber offensichtlich kommt man um diesen Song nicht herum. Weniger langweilig da schon "Braver Than We Are", die englische Version von "Stärker als wir sind/Das Gebet" aus Tanz der Vampire. Das hat gewirkt und gezündet! "The Shades of Night", die englische Version von "Die Schatten werden länger" aus Elisabeth, allerdings ist leider unmöglich. Das lag weder am Arrangement noch an den Tenors. Das liegt einfach am englischen Text des Liedes, der mit Verlaub gesagt einfach nur schlecht ist. "The shades of night are growing". Das ist viel aber nicht Englisch. Dr. Michael Kunze mag ja auf deutsch gut texten oder englische Texte gut aus dem Englischen ins Deutsche übertragen können, er hat nur kein Talent seine eigenen Texte ins Englische zu übersetzen. Mit der Auswahl dieser Version hat man in meinen Augen viel vergeben. Das konnten auch die vier fantastischen Herren nicht rausreißen.

Der Queen-Block (ich weigere mich es den We-Will-Rock-You-Block zu nennen) mit "The Show Must Go On" und "Who Wants to Live Forever", bei dem Christian Alexander Müller an ein paar zu früh verstorbene Künstler erinnerte (John Lennon zum Beispiel und im gleichen Atemzug für die Musicalwelt Steve Barton) war hingegen ein Genuss. Der Grease-Teil ("Grease is the Word", "Greased Lightnin'", "Mooning", "Rock'N'Roll Party Queen", "Those Magic Changes") war eine sehr nette Auflockerung zu einem sonst doch recht "dichten" Programm.

Einen der schönsten Momente gab es bei "Am Ende bleiben Tränen", das ich vorher noch nicht wirklich  kannte, mich aber wirklich sehr berührt hat. Das waren Momente, bei denen man sich wünschte, dass das Lied noch lange, lange weitergehen möge.

Witzig die Choreographie zu "Weil ich weiß, in der Straße wohnst du" (My Fair Lady), bei der die Herren Zylinder und Gehstock hatten und sichtlich Spaß an der Freud. Überhaupt hatte man den ganzen Abend das Gefühl die vier freuen sich wirklich diese Konzerte zu machen und haben Spaß bei dem, was sie machen und irgendwie war auch immer wieder ein Hauch von Selbstironie bei den "Boyband-Moves" zu spüren. Nach dem Motto: "Wir wissen, wie wir dabei aussehen und wir wissen auch, wie dämlich das eventuell ist. Aber Lustig ist es trotzdem, also lasst uns das machen!" Weitgehend  unangestrengt auch die Zwischenmoderationen und Übergänge. Wir wissen jetzt, wie Patrick Stanke, Christian Alexander Müller und Mark Seibert Frauen betören oder auch wie Jan Ammanns Sohn heißt.

Mark Seibert hat in Wien offensichtlich die größte Fan-Basis der vier, was kaum verwunderlich ist, schließlich ist er hier noch aus Romeo und Julia bekannt. Seiberts wunderschöne, kontrollierte Kopfstimme ist in Berlin bei We Will Rock You vermutlich verschwendet. Er weiß ganz genau, was er singen kann und wie er es singen muss, damit es wirkt und liefert somit eine Vorstellung, die nichts zu wünschen übrig lässt. Er durfte auch gleich das erste Solo des Abends singen. "Draußen" aus Der Glöckner von Notre Dame, im zweiten Teil konnte er dann mit "Love of my Life" glänzen. Ganz allgemein wirkten die Boyband-Bewegungen bei ihm am wenigsten aufgesetzt. Vielleicht auch weil er aussieht, als könnte er schon morgen bei irgendeiner  mitmachen.

Patrick Stanke durfte/musste den Entertainer des Abends spielen. "Guten Abend, Wien! Geht es euch gut" und so weiter. Ich hasse, hasse, hasse es, wenn ich aufgefordert werde mitzuklatschen wie die Lemminge und ich verweigere mich da auch regelmäßig. Wenn es sich von selbst entwickelt, meinetwegen. Aber dieses Gezwungene, wenn die Darsteller auf der Bühne dazu auffordern, kann ich nicht ausstehen. Abgesehen davon aber, hatte Stanke einige sehr, sehr starke Momente an diesem Abend. Bejubelt wurde seine Interpretation von "Wie wird man seinen Schatten los" (Mozart!), mir aber ist er vor allem mit "Du warst mein Licht", einem wunderschönen Liebes/Trennungslied, in Erinnerung geblieben. Er begleitete sich selbst am Klavier und schuf damit einen intimen, berührenden Moment.

Jan Ammann widmete sein erstes Solo seinem Sohn und sang "Gute Nacht", mit etwas seltsamen Text, dafür aber umso schönerer Interpretation. Man spürte geradezu, dass seine Gedanken bei seinem Sohn in Stuttgart waren. Das zweite Solo war "Die Unstillbare Gier" (Tanz der Vampire). Interessant zu beobachten und zu hören, wie seine Stimme sich verändert, wenn er auf von Krolock umschaltet. Ich hatte ihn letztes Jahr in Oberhausen als "Obervampir" gesehen und seine Version des Grafen war mir nicht in guter Erinnerung geblieben. Ich konnte nicht verstehen, warum so viele ihn lieben. In meinen Augen (Ohren) hatte er ein Problem Vokale zu singen. As klangen wie Os, Is wie Es und so weiter. Auch an diesem Abend wurde gejubelt und lange geklatscht. Ich verstehe es noch immer nicht. Der Funke will einfach nicht überspringen und ein paar Vokale saßen immer noch nicht. Schade, denn bei absolut jedem anderen Lied mochte ich ihn sehr!

Die größte Überraschung war für mich Christian Alexander Müller, den ich als einzigen der vier vorher noch nicht live gesehen hatte. Er wirkte fast die ganze Zeit als würde er sich nicht so richtig wohl fühlen. Schon als hätte auch er Spaß, aber als würde ihm die Umsetzung des Ganzen nicht so zusagen. Boyband? Nicht unbedingt seins. Singen? Absolut seins! Bei den Soli war er sichtlich am entspanntesten und blühte geradezu auf. Es dauerte etwas mit seiner "Musik der Nacht" (Das Phantom der Oper) warm zu werden, aber es zahlte sich aus nicht auszuklinken. Müller entwickelte eine geradezu magnetische Anziehungskraft bei dem Lied, ein sehr anziehendes, verführendes, verführerisches Phantom. Eine beeindruckende Darbietung. War die "Ouvertüre" davor Musik aus Love Never Dies? Ich konnte sie jedenfalls nicht dem Phantom zuordnen, aber  das mag auch daran liegen, dass ich dieses Musical nicht sehr gut kenne. Auch mit seinem zweites Solo "Einsam sind alle Sänger" wusste er zu überzeugen. Diesen Mann werde ich mir merken!

Als Female Guest war Lisa Antoni eingeladen worden, die zum letzten Lied des ersten Teils "I Believe in You" von hinten auf die Bühne kam (das war zu erwarten, schließlich stand dort neben der Tür von Anfang ein ein Mikrophon) und auf französisch einsetzte. Was für Harmonie bei den fünf! Im zweiten Teil durfte sie dann "A Change in Me" (The Beauty and the Beast) als Solo singen. Schade, dass man sie nicht mehr eingebunden und mehr mit ihr gesungen hat, wenn man sich schon extra einen Special Guest einlädt. So war das ein bisschen austauschbar und ich persönlich hätts auch nicht vermisst, wenn es nicht da gewesen wäre. Sie hat es ja schön vorgetragen, aber das Spannendste bei dem Auftritt war, dass der Pianistin beim Umblättern die Noten herunterfielen (wenn man es nicht gesehen hätte, hätte man es nicht gehört).

Die Zugaben waren dann "Save Your Kisses for Me", mit der "boybandigsten" und gleichzeitig witzigsten, ironischsten Choreographie des Abends. In Anbetracht der Jahreszeit hatten die vier sich Weihnachtsmannhauben aufgesetzt, die das Ganze um noch eine Spur lustiger machten. Wirklich geendet hat man dann mit "Look With Your Heart" aus Love Never Dies, bei dem die Tenors langsam die Bühne und über den Mittelgang den Saal verließen.

Somit waren am Ende nur noch die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne, die dadurch noch einmal einen eigenen Moment und Applaus bekamen und das völlig verdient. Die Musiker und Musikerinnen waren stellenweise genauso ein Ereignis wie die Tenors. Wer letztes Jahr schon bei Pia Douwes Konzert war, konnte ein "Wiedersehen feiern" mit Marina Komissartchik  (sie war auch für die Musikalische Leitung Gesang zuständig) am Flügel und Keyboard. Diese Frau ist ein Phänomen. Sie spielte mit vollem Einsatz, mit ganzem Körper, ließ sich auch von fallenden Notenblättern nicht aus der Ruhe bringen und spielte manchmal gleichzeitig am Flügel und am Keyboard. Faszinierend. Emilio Percan spielte ganz fantastisch und mit viel Gefühl Violine. Selten hat es so viel Spaß gemacht auch die Musiker und nicht nur die Sänger zu beobachten. Weiters dabei waren Julian Rybarski (Bass und Gitarre), Matthias Plewka (Schlagzeug und Percussion) sowie Stephanie Strehlow an der Gittarre.

Mein Fazit: Einer der besten Musical-Abende, die ich bis jetzt erlebt habe. Das ist vor allem der Strahlkraft und den schönen Stimmen der vier Interpreten und den fantastischen Musikern und Musikerinnen zu verdanken. Ein kurzweiliger, unterhaltsamer Abend, mit vielen ruhigen und tiefgründigen Momenten. Es ist zu wünschen, dass sie wiederkommen. Mit einem neuen ebenso interessanten Programm.

Meinungen Anderer:

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Kommentare:

  1. So, ich will hier mal kommentieren.

    Ich geh erstmal auf dein Jan-Meinung ein, da ich ja - sogesehen - ein "Jan-Freak" bin.
    Ich selber brauchte ... ca. 6 Liveauftritte, damit er mich endlich überzeugt hat. (Davor fand ich ihn nett. Jetzt bin ich ... ehm. "besessen"?). Sein Gier am 30.10. fand ich das Beste, was ich gehört von ihm gehört habe. Ich finde, er... "leidet" richtig (als Graf), wenn er es singt. Gute Nacht fand ich z.B. jetzt nicht so berauschend. :)

    Mark hab ich nie livegesehen. Als ich ihn in "Der Schuh des Manitu" erwischen wollte, ist er schon mit den BestofMusicals-Dings abgehaun. (Bei uns ging der Fanbasis eindeutig an Jan.) Aber irgendwie ist er von den Vieren "zurückgeblieben". Ich hab ihn nicht mehr so gut im Erinnerung (Ich weiß aber dass er gut war...) als die anderen 3.

    Christian war für mich auch ein Überraschung! Aber wie du, hatte ich das Gefühl, dass er irgendwie nicht so auf die "Boy Band"-Masche wollte. (oder so).

    Und Patrick war für mich eh der Beste an den Oberhausener-Abend. (Wie in allen Konzerten, wenn er dabei war... Pfuu..).

    Ich fand es eigentlich recht gut, dass die Special Guests nur wenige Auftritte hatte. Sie kommen ja nur einmal und gehört eigentlich nicht zu "MT". (Auch wenn ich lieben gern mehr von Carin hören wollte!). Und gaaaaanz streng genommen, hatte man ja die Tickets nur gekauft, wegen den 'Tenören' (die eigentlich mehr Bariton sind. Aber Musical Bariton klingt irgendwie nicht so berauschend.).

    Last but not least:
    Marina Komissartchik - Ich find sie so hammer. Da ich auch Klavier spiele, ist sie - mehr oder weniger - ein Vorbild für mich. Wär doch ein Traum mit so eine Gruppe rumzureisen und auf den Klavier zu hämmern. Aber ich glaub dafür bin ich zu Klavier-Faul. *fail* ):

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  2. Danke für den langen und ausführlichen Kommentar.

    Ja, vielleicht wird mich Jan Ammann irgendwann noch als Graf überzeugen. Im Moment tut er es nicht.

    Ich habe Mark damals in "Romeo und Julia" gesehen und fand ihn damals schon sehr gut. Seitdem wünsche ich mir, dass er nach Wien zurück kommt. Ich hab ihn sehr gut in Erinnerung was dieses Konzert angeht, aber das kann natürlich auch daran liegen, dass ich viel auf ihn geachtet habe.

    Die Special Guests: von mir aus müssten sie nicht unbedingt öfter auftreten, aber ich hätte lieber ein Duett oder in diesem Fall Quintett gehabt (wie "I believe in you" als ein Sololied. So hätte man die Gäste gehört und gleichzeitig auch die Tenors, wegen derer wir ja die Karten gekauft hatten.

    Liebe Grüße

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  3. Bitte.

    Gibt ihn halt noch 5 Chancen, vielleicht schafft er es ja noch. |D

    Ich wollte Mark - wie gesagt - auch immer sehen, nun hab ich es endlich geschafft. :) Auch RoJu will ich nun live erleben [mit der Wiener Cast~], aber da war mir der Begriff "Musical" ja noch total schnuppe. Ich freue mich auf sein Konzert. :) [Ich will wissen wer die Special Guests sind... Grr!]. Trotzdem hab ich die anderen 3 Tenören besser im Hinterkopf...

    (zu Special Guests weiß ich jetzt nicht so recht, was ich schreiben soll. Deshalb lasse ich das mal unkommentiert. ^^)

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  4. Also ich bin ja nur wegen Lisa angereist... ;) Hat sich gelohnt, auch wenn es nur 2 Lieder warn!

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