Dienstag, 11. Juni 2013

[Musical] "Natürlich Blond" (Ronacher, 07.06.2013)

Wenn an einem Freitag Abend vielleicht die Hälfte, höchstens aber zwei Drittel der Plätze belegt sind, dann sagt das wahrscheinlich schon genug aus. Es ist übrigens interessant zu sehen, welche Plätze verkauft wurden. Zum einen die ganz teuren im Parkett und dann die billigen Kategorien (sichteingeschränkte Plätze, zweiter Rang letzte Reihe und so weiter). Wenn man Natürlich Blond einmal gesehen hat, dann ist das auch verständlich.
Es ist sicherlich nicht die schlechteste Idee, immerhin hat das Stück eigene Musik, aber auch nicht die beste. Denn die Musik bleibt bis auf ein Lied (und das ist ziemlich nervtötend) nicht im Ohr und für ein Musical ist das die vernichtendste Aussage. Es ist ein Pop-Einerlei, aus dem ich tatsächlich ein paar Tage nach der Show nur mehr "Oh mein Gott wie heiß" ansingen könnte und das wahrscheinlich auch nur, weil es gefühlte 20 Mal recycelt wurde. Es hat sich auch mal wieder gezeigt, dass im Ronacher mit der Tonabmischung immer noch nicht alles stimmt, besonders auffällig bei "Bend and Snap".
Die Story ist ... nun ja ... Natürlich Blond eben. Die Filmvorlage ist ja schon kein intellektuelles Meisterwerk und da die Handlung - soweit ich mich erinnere - eins zu eins übernommen wurde, kann auch das Musical nicht viel Anspruch bieten. Das Schlimmste ist, dass die Macher behaupten, dass ihr Musical mit Klischees spielt, aber viel Spielerei ist da nicht. Man weiß ja kaum, was man da am beleidigendsten finden soll: die Öko-Feministin-Lesbe, die selbst im Hosenanzug noch einen gestrickten Pollunder anhat und "im Busch" gearbeitet hat (Nicht genügend für die Wortwahl) oder das ganze unsägliche "Schwul oder Franzose" oder dass man sich mit der Übersetzung so wenig Arbeit angetan hat, dass man einfach völlig unmotiviert ein paar englische Wörter drin gelassen hat (zumindest die Übertitel waren diesmal besser, konnte man doch einfach das Original nehmen). Da passt es dann auch hinein, dass Elle den Fall nicht mit ihren juristischen Kenntnissen, sondern ihrem Wissen über Dauerwellen gewinnt. Wow, das verstärkt auch überhaupt nicht das Blondinenklischee. Der Hund Brutus als Lassie für Arme, Männer in Zopfperücken, um den Frauenknast aufzustocken und die freie Interpretation eines griechischen Chors runden das Bild noch ab. Das Ganze hätte eine ordentliche Dosis des erwähnten Parfums "Subtext" vertragen.
Die Darstellerinnen und Darsteller - in der gesehenen Vorstellung Amélie Dobler als Elle, Björn Klein als Emmet, Ana Milva Gomes als Paulette und Alexander Goebel als Callahan (kann er nicht mehr singen oder ist der Sprechgesang Absicht?) - tun ihr Bestes, können es aber auch nicht rausreißen.
Trotzdem, irgendwie unterhalten fühlt man sich ja dann doch, wenn man dort ist. Die Show ist schwungvoll und ohne wirkliche Längen, nur zuviel nachdenken über alles sollte man eben nicht. Im Endeffekt ist Natürlich Blond wie eine Schaumrolle: pickig und süß und im Moment, in dem man sie isst eh nett, aber ultimativ ist sie mehr Luft als irgendetwas Anderes und ohne viel Substanz.

Kommentare:

  1. Zum Glück IST Geschmack so unterschiedlich. Die Show ist brillant!!
    Nur wenn man unbedingt auf "intellektuell" spielen möchte, ist man in der Oper besser bedient.

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    1. Brillant ist Ansichtssache und wenn Ihnen "Natürlich Blond" gut gefallen hat, dann freut mich das für Sie.

      Der Ansicht, dass nur die Oper intellektuell sein kann, möchte ich allerdings heftig widersprechen. Es gibt genügend Musicals, die nicht nur fürs Auge und Ohr, sondern auch fürs Hirn sind und umgekehrt sind Opern inhaltlich in sehr vielen Fällen sowieso nicht besonders aufregend. Abgesehen davon, dass gute Unterhaltung nicht zwingend hochgeistig sein muss. "Sugar" oder "Der kleine Horrorladen" sind auch nicht intellektuell, bieten aber in meinen Augen bessere Unterhaltung als "Natürlich Blond".

      Freundliche Grüße

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    2. Dieser Aussage muss ich widersprechen. Ich liebe Legally Blonde, aber dass Musicals nicht intellektuell sein können - oder dass umgekehrt eine Oper immer intellektuell hochwertig ist - ist meiner Meinung nach nicht wahr. Es gibt viele sehr tiefgründige Musicals und sehr viele Opern, die allein zur Unterhaltung geschrieben worden sind.

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