Im Gegensatz zu Les Misérables,
dessen Basis-Poster immer Klein-Cosette aufweisen (ja, sogar die
Verfilmung hat sich daran orientiert) und vielen anderen Musicals, gibt es bei anderen Stücken mehr
Variationen. So wie Buch-Cover einen Eindruck des Werkes vermitteln,
machen das auch Musical-Poster. Schauen wir einmal:
Seit Jahresbeginn gab es auf diesem Blog lediglich fünf Posts, darunter zwei Video-Posts. Das ist keine beeindruckende Ausbeute. Also hab ich beschlossen, meiner Motivation ein bisschen nachzuhelfen und an der Blogging from A to Z April Challenge teilzunehmen. Das wird tatsächlich eine Herausforderung, denn das Ziel ist im Monat April jeden Tag (ausgenommen Sonntage) einen Post zu schreiben (vorschreiben ist erlaubt), wobei jeder Tag einen Buchstaben zugeordnet bekommt und das Thema des Beitrages irgendwie damit zu tun haben muss. Begonnen wird also heute am 1. April mit dem Buchstaben A und geendet am 30. April mit Z. Mehr Informationen, eine Liste der teilnehmenden Blogs, FAQ, Banner und so weiter gibt es hier.
Wie wird das hier auf Musical Musing aussehen? Der Blog wird weiterhin der Blog bleiben, also eine Mischung aus Kritiken (mal sehen, ob ich im April endlich mal wieder ins Theater komme), persönlich für interessant gefundenen News, Tipps und Videos, wobei ich versuchen möchte, die Videos nicht überhandnehmen zu lassen. Den Einstieg hab ich mir leicht gemacht, indem ich A als ersten Post verwende, die nächsten Buchstaben werden nicht unbedingt so einfach werden. Ein paar sind mir jetzt schon klar, viele nicht.
Der A wie Anfang ist gemacht, jetzt heißt es durchalten.
Nichts ersetzt das Live-Erlebnis. Damit hätten wir das Offensichtliche aus dem Weg geräumt und können direkt dazu übergehen die Verfilmung von Les Misérables anzusehen. Der Film ist gut, wirklich gut, aber er könnte besser sein. Trotz aller Bemühungen, trotz des sichtbaren Aufwandes für Kostüme, Make-up und Set, trotz der konstanten Selbstbeweihräucherung im Vorfeld, alles live gesungen zu haben, bleibt der Film oft erstaunlich distanziert, was paradoxerweise daran liegt, dass er zu nah ist. Die Kamera (Regie: Tom Hooper) klebt streckenweise förmlich auf den Darstellerinnen und Darstellern, lässt uns quasi deren Backenzähne zählen (so am Rande angemerkt haben alle mit Ausnahme der Thenardiers viel zu schöne Zähne für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts) und beinahe jede Pore erkennen. Niemand sieht beim Singen in so einem Close-up gut aus, aber das alleine ist es nicht. Les Misérables ist nicht der erste Film und wird auch nicht der letzte sein, in dem ästhetisch geweint wird. Es ist, dass einem die Emotionen dermaßen aufgedrängt werden, dass es schwer fällt, tatsächlich berührt zu sein. Zum Beispiel bei "Valjean's Soliloquy" oder "Empty Chairs at Emtpy Tables" und vor allem "I Dreamed a Dream". Oh dear God, "I Dreamed a Dream". Anne Hathaway hat für ihre Interpretation der Fantine den Oscar als "best supporting actress" bekommen, wahrscheinlich weil die Academy es mag, wenn Frauen Mut zur Hässlichkeit haben. Dass Hathaway keine Perücke trägt, sondern tatsächlich einen Haarschnitt bekommen hat, wurde im Vorfeld ja fast so viel diskutiert, wie die Tatsache, dass am Set live gesungen wurde. Im Kontext der Handlung werden Fantine also irgendwo in einer dunklen Gasse ziemlich unzeremoniell die Haare abgesäbelt und sie erhält so einen chicen und (unglaubwürdig) gleichmäßigen Heerenhaarschnitt. Mut zur Hässlichkeit? Relativ. Wie auch immer. Für den Film wurde die Platzierung von "I Dreamed a Dream" und "Lovely Ladies" getauscht. Fantine singt ihre Ballade also nicht gleich nach ihrer Entlassung aus der Fabrik, sondern erst als sie schon in die Prostitution abgerutscht ist. Das ist äußerst effektiv, ein guter Gedanke und Hathaway, die übrigens ansonsten fantastisch ist, hängt sich auch richtig rein. Es kommt nur irgendwie nicht an. Drei Minuten eine ästhetisch dreckige und traurige Fantine und wenn man dann auch noch ständig an das hier (I did it all in one take bitches!) denken muss - wofür die Filmmacher natürlich nichts können - ist die Szene nicht mehr zu retten.
Ein Film besteht natürlich nicht nur aus einer
Szene, auch nicht wenn es eine wichtige ist. Im Großen und Ganzen macht der
Film nämlich einen sehr guten Eindruck. Wer das Musical kennt, wird ein paar
Änderungen bemerken: andere Reihenfolge der Lieder, Kürzungen, Erweiterungen. Ein
großer Unterschied ist natürlich, dass es im Kino keine Pause gibt. „One Day
More“ ist allerdings ein so starker Ende-1.-Akt-Song, dass es sich fast nicht
richtig anfühlt, wenn der Film einfach weitergeht und es tut auch „Do You Hear
the People Sing?“ nicht gut, das im Film danach kommt. Eigentlich eine fantastische
Ensemble-Nummer, geht der Song beinahe unter und entfaltet erst in der Reprise im
Finale seine wirkliche Kraft. Das ist schade. Gut zu verschmerzen ist, dass die
Präsenz der Thénardiers (so gut Sacha Baron Cohen und Helena Bonham Carter ihre
Sache auch machen) im zweiten Akt … äh zweiten Teil des Films („Beggars at the
Feast“ gekürzt, „Dog Eats Dog“ nicht verwendet) deutlich verringert wurde. Dafür
gibt es ein paar kleine Szenen, die den Film flüssiger machen und einen neuen
Song. „Suddenly“ ist ein Solo von Valjean, eine Reflexion über die Veränderungen
in seinem Leben, nachdem er die kleine Cosette von Thénardiers gerettet hat. Es
ist ein nettes Lied, aber ultimativ zu flach und wenig aussagekräftig, insbesondere
da die Musik so gar nicht ins Ohr geht und den Vergleich zum restlichen Score nicht
standhält.
Besetzt (Casting: Nina Gold) ist der Film mit
einer Mischung aus Broadway-Versierten - Hugh Jackman, Samantha Barks, Aaron
Tveit - und Gesangs-(mehr oder weniger) Neulingen - Eddie Redmayne, Russell
Crowe, Amanda Seyfried, Sacha Baron Cohen, Helena Bonham Carter. Alle meistern
ihre Parts entweder gut oder sehr gut. Live-Gesang bedeutet natürlich auch,
dass Perfektion (an sich schon ein schwammiger Begriff) nicht möglich ist und
es gibt durchaus Momente, in denen man vielleicht ein wenig zusammenzuckt oder
das Gesicht verzieht. Aber nichts, das einem das Erlebnis verleidet. Niemand,
der offensichtlich komplett fehlbesetzt ist und bei dem einen die Ohren bluten
(Nick Jonas auf der Jubiläums-DVD zum Beispiel ist hart an der Grenze und Pierce
Brosnan bei Mamma Mia! meilenweit davon
entfernt*). Das ist erfreulich,
schließlich ist Les Misérables
anspruchsvoll, sowohl gesanglich als auch schauspielerisch.
Hugh Jackman bringt die innere Zerrissenheit von Jean
Valjean großartig auf die Leinwand und es fällt nicht schwer, mit ihm
mitzufühlen. Kompliment auch an seine Hingabe an die Rolle. Der Gefangene 24601
und der spätere Bürgermeister sind kaum als dieselbe Person zu erkennen, was die
Glaubwürdigkeit der ganzen Geschichte unterstützt. Jackman brilliert vor allem
bei „Who am I“ und im Finale. Mit Russell Crowe als Javert hat er einen
erstaunlich starken Gegenspieler bekommen, der in manchen Szenen gesanglich
sogar besser wegkommt als der Tony-Award-Gewinner. Crowe hat die schwierige
Aufgabe die kompromisslose Verfolgung (auf welchem Gebäude singt er eigentlich "Stars"? Gegenüber von Notre Dame, etwa so hoch wie die Kirche?) und Verurteilung von Valjeans Charakter
und die schließlich daraus resultierende im Selbstmord endende Verunsicherung
glaubhaft darzustellen. Es gelingt ihm und er hat noch dazu eine der berührendsten
Szenen des ganzen Films. Nach der Niederschlagung der Revolte geht Javert die
Reihen der auf den Barrikaden Gefallenen ab, um Valjean zu finden. Dabei bleibt
er vor der Leiche von Gavroche stehen, hält inne und steckt ihm einen seiner Orden
an. Für einen Moment flackert so etwas wie Mitgefühl und Bedauern in seinem
Gesicht auf. Das alles dauert vielleicht 30 Sekunden, geht aber mehr zu Herzen
als so manche große Nummer.
Amanda Seyfried, in der Film-Version von Mamma Mia! als Tochter Sophie bezaubernd
hat hier die undankbare Rolle von Cosette zu meistern. Das Mädchen hat so gut
wie keine Charakterentwicklung und existiert im Prinzip nur als Bindeglied
zwischen allen Charakteren und um einen Konflikt für Marius und eine Motivation
für Valjean die Barrikaden-Revolte zu unterstützen zu generieren. Sie schlägt
sich tapfer, es scheint aber doch immer wieder, dass die Partie ihr zu hoch
ist. Sind Valjean und Javert offene Gegenspieler hat Cosette in Eponine eine versteckte
Rivalin. Samantha Barks‘ „On My Own“ ist herzerweichend, ihren großen Moment hat
sie aber zusammen mit Marius bei „A Little Fall of Rain“.
Damit wären wir bei den Studenten, die auf jeden
Fall die stärksten Szenen des Films gestalten. Aaron Tveit, der schon bei Next to Normal und Catch Me If You Can sein unglaubliches Talent zeigen konnte, sticht
als Studentenführer Enjolras aus dem starken Ensemble heraus. Sein Spiel ist
mitreißend, glaubwürdig und differenziert. Hier zeigt sich, wie viel man mit einem Blick manchmal aussagen kann. Der Part bereitet ihm auch gesanglich keine Schwierigkeiten.
Wunderbar. Die größte Überraschung für mich aber ist Eddie Redmayne, den ich bisher
„nur“ aus den Literaturverfilmungen Die
Säulen der Erde und Tess of the D’Urbervilles
als guten Schauspieler kannte. Als Marius kann er auch seine beachtlichen gesanglichen
Fähigkeiten unter Beweis stellen. Er harmoniert gut mit den anderen, besonders mit Enjolras. Nur Cosette geht neben ihm fast unter, aber das liegt daran, dass Seyfried Schwierigkeiten hat, ihre Zeilen mit der gleichen Kraft wie Redmayne hervorzubringen. Marius' schwierigste Szene „Empty Chairs at Emtpy Tables“ ist zwar auch ein Fall
von zu viel Close-up, aber es ist so schonungslos verletzlich, dass es einen
einfach mitreißt.
Les
Misérables ist kein perfekter Film, aber absolut sehenswert. Die
Ausstattung ist fantastisch und der Cast auch bis in die kleinen Rollen (Ur-Valjean
Colm Wilkinson als Bischof) sehr gut ausgewählt. Wie immer sind viele
Entscheidungen einfach Geschmackssache. Meinen Geschmack hat die Verfilmung
getroffen.
Die Kritiken sind da und sie sind durchwachsen. Im besten Fall. Wollen wir doch mal den (manipulativ ausgewählten) überschwänglichen Zitaten der UK-Kritiken, die auf der VBW-Homepage zu finden sind, ein paar (ebenso manipulativ ausgewählte) aus den Wiener Zeitungen gegenüber stellen.
Kaum jemals kam es jedoch vor, dass während einer Aufführung das
Bedauern aufkam, nebst Wintermantel nicht auch Hirn und Ohr bei der
Garderobe abgegeben zu haben. [Standard: Stürmchen im Musicalglas]
Dagegen ist „Natürlich blond“ von Laurence O’Keefe, Nell Benjamin (Musik
& Texte) und Heather Hach (Buch) nach dem Roman „Legally Blonde“
von Amanda Brown mit der Fleisch gewordenen Barbie trivialer als
trivial. [...] Struppeck ist mit sehr, sehr seichter Unterhaltung angetreten, sollte
aber wenigstens nicht die Intelligenz des (erwachsenen) Publikums
beleidigen. [Kurier: Ein Musical als Blondinenwitz]
Eine lange Laufzeit wird ihm im Wiener Ronacher wohl nicht beschieden
sein, denn als Musical fehlen den knapp drei Stunden das Wichtigste:
Melodien, die berühren, die sich nicht in Beliebigkeiten verlieren. [Kleine Zeitung: Beinahe so langlebig wie ein Blondinenwitz]
Seit Wochen schleiche ich nun schon um den Post zu dieser CD herum. Das liegt zum einen am Zeitmangel und zum anderen an 35mm selbst. Es ist gar nicht so einfach diese CD zu beschreiben. 35mm: A Musical Exhibition ist zuallererst einmal ein Experiment. Kann man ein Musical schreiben, dessen Lieder von Fotos inspiriert sind und Fotos, die von Liedern inspiriert sind in ein Musical einbauen? Das Ergebnis ist schwer zu beschreiben, am besten sieht man es wahrscheinlich. Das hier ist kein Handlungsmusical. Es ist - wie der Titel schon sagt - eine musikalische Ausstellung. Mussorgski in modern quasi. 16 Bilder, 5 Übergänge und Finale. Alle Fotos und Texte sind im Booklet, was einigermaßen hilfreich ist. Eine Vorstellung davon, wie das auf der Bühne aussieht vermittelt es aber nur bedingt.
Das ist allerdings nicht weiter tragisch, weil die Lieder auch für sich alleine stehen können. Wenn man schon vor Erscheinen der CD ein bisschen auf Ryan Scott Olivers Youtube-Channel unterwegs war, wird man sehr vieles sowieso schon kennen, aber die mit anderen Stimmen neu aufgenommenen Versionen haben durchaus ihren Reiz.
Der Grundton des Albums ist eher dunkel-düster oder traurig-tragisch, zumindest sind das die Lieder, die am besten im Gedächtnis bleiben. Wie zum Beispiel das melancholische "Hemming & Hawing". Oder mein Lieblingsstück "Cut You a Piece", gesungen von Alex Brightman (mit Betsy Wolfe und Jay Armstrong Johnson). Hier auf youtube anzuhören. Jetzt. Gleich. Ich warte so lange. Ist das nicht schön?
A marriage began and ended with broken glass. His life was scattered and soon was her ash.
Wie oft hört man solche Zeilen? Das ist so bittersüß, dass ich keine richtigen Worte dafür habe. Nicht zu vergessen natürlich "The Ballad of Sarah Berry" (angeführt von der großartigen Lindsay Mendez), das von einem mordenen Highschool-Mädchen erzählt. Dann gibt es noch die Ballade über eine misshandelte Hausfrau. "Leave, Luanne" mit seinem Country-Stil ist kein Lied, das einschlägt wie ein Blitz. Es kriecht langsam unter die Haut, setzt sich dann aber umso nachdrücklicher fest.
Aber man muss keine Angst haben, depressiv zu werden. "On Monday" ist die in Noten gefasste Ungeduld einer Verliebten und "Make Me Happy" wohl eines der hinreißendsten Liebeslieder, das ich je gehört habe. Die volle Punktzahl für comic relief bekommt aber "Caralee". Jay Armstrong Johnson als frustrierte "Manny" kann hier zeigen, dass er nicht nur die ernsten Stimmungen drauf hat, auch wenn seine Version von "The Seraph" unübertroffen ist.
Dafür dass das Album sich nicht anfühlt wie eine zusammenhanglose Ansammlung von Liedern, sorgen die Transitions, die Songzeilen und Melodien aus den Tracks aufnehmen, varriieren und neu zusammenstellen. Das ist ziemlich gelungen und findet seinen Höhepunkt im Finale.
Um es kurz zu machen, eines der besten Alben seit langem.